| Holländer des Jahres korrespondenz.biz --- (14.02.2005) --- [Print-Version] --- [Kommentare] |
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Man sah ihn direkt, als man den Strand betrat. Er musste da schon seit Stunden liegen, auf einem weißen Plastikstuhl, den der Verleiher gegen einen Bonusbetrag mit einer weichen Auflage aus abwaschbarem Blau versah. Er schaute aufs Meer und hielt sich mit dem Reden zurück. Auch gegenüber seiner Frau, die den Stuhl neben ihm bekommen hatte und sich dort mit einem Buch befasste. Etwas mit weichem Rücken und geprägten Buchstaben auf dem Cover, das Urlaubslektüre versprach. Er musste hier schon seit Jahrzehnten liegen. Anders als seine von der Sonne gegerbte Frau hatte er nur wenige graue Haare. Seine Haut jedoch wies deutliche Verwitterungsspuren auf, kirschbaumbraun, dunkel grundiert, mokkameliert, von einer rindenartigen, rissigen Oberfläche, auf der zahlreiche Furchen und Falten entstanden, wenn er sich einmal aufstütze, die Liegeseite wechselte oder zu seiner Frau herüberbeugte, um ihr etwas am Horizont zu zeigen. Aber da war nicht viel. Er ging nicht hinaus ins Meer, las auch nicht und vertrieb sich die Zeit, er sonnte sich nicht, sondern lag einfach da, und wartete auf das nächste Mal, wenn er eines seiner Zigarillos zu Rauch verarbeiten oder eine kleine Heineken-Flasche zwischen seine zum Trichter geformten Lippen stecken konnte. Holländer des Jahres? Glaubt man den politischen Leitartikeln, so war dies Theo van Gogh. Dessen Ermordung ohne Zweifel ein Skandalon ist, über der man jedoch nicht aus den Augen verlieren sollte, welch' begeisterte Aufnahme der "Fall van Gogh" hier fand: nun konnte man in besorgtem Kommentatorenton über das Scheitern des "holländischen Modells" fachsimpeln, ohne freilich die Genugtuung darüber verbergen zu können, dass die niederländische Systemkonkurrenz nun endgültig vorbei war und Leitvokabeln wie "Liberalität", "Toleranz" oder "Einwanderungsgesellschaft" in die begriffliche Entsorgung gegeben werden konnten. Hinter dem aufklärerischen, kritischen Gestus, den man van Gogh hierzulande zuschrieb, war kaum mehr zu entdecken als Provokation, Populismus und ebenso einfache wie abgenutzte Attacken auf die "political correctness". Doch genau das war van Goghs Rolle hierzulande: Holländer zu sein, der sagte, was man als Deutscher nicht zu sagen wagte, ein Mann aus dem Lande sozialstaatlicher und zivilgesellschaftlicher Versprechen, der deren Scheitern kündete. Eine Art Rudi Carell des politischen Geschäfts. Als ich die Zeitung beiseite legte und wieder auf den Strand schaute, kam mir der Mann mit der Elefanten-Haut wieder in den Blick. Er verdrückte gerade ein Sandwich, das er aus einem Bogen der "Volkskrant" ausgewickelt hatte. Alsbald tat er wieder nichts und ließ einen daran teilhaben. Es ging der Rauch zweier Zigarillos in die Luft, dann wurde die Sonne schwach. Er nahm lässig sein Handtuch an sich und ging mit der Frau langsam vom Strand. Ins Hotel. Noch was essen. Im Sand die Flaschen aus grünem Glas. Lasst die letzten Jahre einfach ruhig vorübergehen. rsa
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